Landraub in Afrika – Jeder sieht zu, aber niemand will die Folgen tragen.

03.11.2018 von Reinhard Loidl

2008, im Gefolge der Finanzkrise, entdeckte das globale Großkapital, sei es in Form von Investitions- und Pensionsfonds, Großbanken oder Agrarkonzernen, Ackerland verstärkt als begehrtes neues Spekulations- und Anlageobjekt. Diese für das Überleben von Menschen zentrale Ressource sichert aus (aufgrund der derzeitigen Bedingungen nicht falschen) Sicht des Kapitals hohe Gewinne bestens für die Zukunft ab.

Bereits im Jahrzehnt bis 2011 wurden weltweit 227 Mio. Hektar Ackerland von ausländischen Großinvestoren aufgekauft oder langfristig gepachtet. Zum Vergleich: die gesamte Anbaufläche für Agrarprodukte der EU beträgt 170 Mio. Hektar. Das Ausmaß dieses Landgrabbing nimmt ungehindert zu.

Am Spiel steht nicht weniger als die Sicherung der Lebensgrundlage von Hunderten Millionen Menschen in Entwicklungsländern, vor allem in Afrika und Asien. Letztlich ist es aber die gesamte Überlebensmöglichkeit der Menschheit und unseres Planeten in seiner jetzigen Form, die zur Disposition steht.

Am allerschlimmsten schritt der Landraub bereits auf dem afrikanischen Kontinent voran. Agrarflächen in der Größe von mehr als der Hälfte Europas wurden bereits von ausländischen Großinvestoren aufgekauft oder langfristig (meist 70-100 Jahre) gepachtet. Produziert wird vorrangig für die Märkte der nordwestlichen Eliten. Die Programme der EU führen zu Mega-Plantagen, vor allem für Biosprit-Erzeugung und Zuckerproduktion. Abgesichert werden die fetten Gewinne des ausländischen Großkapitals von Entwicklungshilfegeldern der EU.

Dabei ist die hochtechnisierte Anbauweise, die auf diesen vom Landraub betroffenen Flächen angewandt wird, in allerhöchstem Ausmaß zerstörerisch und wird letztlich auch uns unmittelbar betreffen, da die globalen ökologischen Folgen enorm sind. Agrarforscher Peter Clausing, Potsdam, errechnete die Energiebilanz der unterschiedlichen agrarischen Produktionsformen und verglich den gesamten Energieeinsatz mit der Energie, die die geernteten Pflanzen liefern. Er wies nach, dass Kleinbauern mit klassischer Anbauweise Pflanzen ernten, die 10 Mal mehr Energie liefern, als für ihren Anbau insgesamt eingesetzt wurde. Bei der agrarindustriellen, hochtechnisierten Anbauweise kehrt sich das Verhältnis exakt um: es wird 10 Mal mehr Energie für den Anbau eingesetzt, als der pflanzliche Ertrag liefert.

Dies ist wirtschaftlich nur möglich, weil die eingesetzte Energie extrem billig bezogen werden kann und ihre tatsächlichen langfristigen Kosten nicht zur Verrechnung kommen. Das bedeutet allerdings eine massive Ressourcenausbeutung auf Kosten hinkünftiger Generationen und schlicht, dass unser Planet immer schneller Richtung Kollaps getrieben wird.

Wir reden dabei noch gar nicht von Bodenversiegelung, erzeugter Wasserknappheit und schleichender Umwandlung großer Flächen in Wüsten, die die ortsansässige Bevölkerung unmittelbar an den Rand der Existenzmöglichkeit führen.

In Mali, Sambia, Mozambique und der Demokratischen Republik Kongo setzen US-amerikanische und europäische Agrarkonzerne vorrangig auf Anbaumethoden, bei denen GPS-gesteuerte Agrarmaschinen Dünger, sowie Pestizide und Herbizide automatisiert ausbringen und die gereiften Pflanzen ernten. Dazu muss der Boden zuvor eingeebnet werden und jeder Strauch, Baum oder Graben vernichtet. Die so entstandenen Bodenflächen sind der längerfristigen Erosion schutzlos ausgeliefert. Nicht nur der Energie-, auch der Wasserverbrauch dieser Produktionsform ist gewaltig.

Die zuvor ortsansässigen Kleinbauern werden größtenteils unter Militärgewalt vertrieben, manchmal mit gezielten Falschinformationen zu Vertragsunterschriften gebracht, die ihnen Entschädigungen zugestehen, für die „lächerlich“ noch eine Übertreibung wäre. (Anm.: Zu üblichen Entschädigungssummen im weiteren Text.)

Die wenigen Einheimischen, die von den Agrarkonzernen beschäftigt werden, werden in werksvertrags-ähnliche Vertragsverpflichtungen gezwungen, die sie zur afrikanischen Variante von „neuen Selbständigen“ machen. Sie erhalten für ihre Arbeit keinen Lohn, sondern müssen Einnahmen aus dem Verkauf der Agrarprodukte erzielen, deren Abnehmer sowie Preis vom Agrarkonzern vorgegeben werden. Dafür verpflichteten sie sich gezwungenermaßen, für die Benutzung der computergesteuerten High-Tech Dünge- und Erntemaschinen hohe Mietgebühren an den Agrarkonzern zu entrichten. Für viele dieser Agrarkonzerne stellen die Mieteinkünfte für die Maschinerie und die Erlöse aus dem Verkauf der Düngemittel und Pestizide inzwischen eine wesentlich höhere Einnahmequelle dar als der Wert der erzeugten Agrarprodukte.

Ein schlimmes Beispiel stellt auch das von 1991-2002 vom Bürgerkrieg gebeutelte Sierra Leone dar:
Bis zum Jahr 2015 waren bereits 18 % aller anbaufähigen Flächen in der Hand von ausländischem Großkapital. Mit Abstand größter ausländischer Betrieb im Lande (und zugleich Betreiber der größten Fabrik Sierra Leones) ist die Schweizer Firma Addax Bioenergy. Sie baut auf 15.000 Hektar Zuckerrohr an, um Ethanol (Biosprit) für den Einsatz in der EU zu erzeugen. Dafür wurde Addax Bioenergy von der Regierung Sierra Leones ein exklusives Verfügungsrecht für den Zeitraum von 76 Jahren eingeräumt, das auch das Wasserrecht und das Recht zur Verfügung über vorhandene Waldflächen umfasst.

In diesem Areal zuvor vorhandene Ölpalmen hätten für ihre kleinbäuerlichen Besitzer zumindest 20 Dollar Ertrag für weitere 20 Jahre abgeworfen. Entschädigt wurden diese aber mit dem Betrag von einmalig 6 Dollar pro Baum! Die Brunnen der Gegend sowie die oberste Grundwasserschicht sind inzwischen durch das Herbizid Durion, dessen Einsatz aufgrund seiner Gefährlichkeit z.Bsp. in Frankreich verboten ist, schwer belastet.

Geradezu beispielhaft zeigt sich die Wirkung der Biosprit-Verordnung der EU, die bestimmt, dass dem in der EU verkauften Treibstoff 10 % an aus Pflanzen gewonnenem Ethanol beigemischt werden muss (E10). Die Biosprit-Verordnung heizte und heizt die Nachfrage nach afrikanischem Boden massiv an. Selbst die Weltbank (Bericht: “Rising Global Interest in Farmland”) bezeichnet Biosprit als größten Antreiber des weltweiten Landgrabbing durch Agrarindustriekonzerne. Noch während der nahenden 2020er Jahre werden 44 Mio. Hektar Ackerfläche weltweit nur zur Biosprit-Produktion verwendet werden.

Dabei wären die Flächen, die bereits derzeit zur Biosprit-Erzeugung genutzt werden, geeignet, 900 Millionen Hungernde weltweit zu ernähren. Zwei Biosprit-Tankfüllungen eines Traktors bedeuten einen Energieverbrauch, der eine afrikanische Kleinbauernfamilie ein Jahr lang ernähren würde.

In Äthiopien wiederum produziert ein niederländischer Tomaten-Agrarindustrieller in der Region Gambela, wofür das zuvor ansässige Anuak-Volk mit Waffengewalt zwangsabgesiedelt wurde. Exportiert werden diese Paradeiser ausschließlich nach Dubai. Den dort tätigen Arbeiterinnen ist es strengstens untersagt, auch nur einen Paradeiser während der Erntearbeit selbst zu verzehren.

Die äthiopische Regierung unterstützte den Landraub von 2,3 Mio. Hektar allein im Jahr 2014. Leider ist es Teil der Gleichung, dass sich die lokalen Eliten, sprich: Regierungen vieler afrikanischer Staaten, als käuflich erweisen.

Dass selbst Programme der EU, die vielleicht im Ansatz und der Grundidee nicht vorrangig den Interessen des Großkapitals dienen sollten, angesichts der realen Bedingungen ein kompletter Schuss ins Knie werden, zeigt das 2001 etablierte Programm „Everything But Arms“ geradezu lehrbuchhaft. Dieses Programm sollte den LDC-Ländern Afrikas, der Karibik und des Südpazifik (LDC = Least Developed Countries) zollfreien Zugang zu den EU-Märkten für ihre Produkte mit Ausnahme von Waffen garantieren. Aufgrund der geographischen Gegebenheiten und etablierten Marktverbindungen betraf und betrifft das Programm vorrangig Afrika.

Die Auswirkungen beschrieb die Bundeszentrale für politische Bildung der Bundesrepublik Deutschland trefflich. Das Regelwerk des Programms führte dazu, dass die europäische Agrarlobby in Afrika Landgrabbing betrieb und betreibt, um im großen Stil billigst Zucker für Europa zu produzieren und zollfrei in die EU bringen zu können. Kein Agrarprodukt afrikanischer Kleinbauern fand über dieses Programm den Weg in europäische Märkte. Im Effekt wurden zehntausende Kleinbauern vertrieben und ihres Landes beraubt, damit Agrarkonzerne aus der EU unter Bedingungen, die Sklavenhalterei nahe kommen, billigst produzieren können und durch die zollfreie Einfuhr in die EU zusätzlich die Konkurrenzfähigkeit der europäischen Bauern schädigen. Wohlgemerkt: ohne Vorteil für europäische KonsumentInnen, denn die niedrigen Erzeugungskosten bedingen lediglich massive Gewinnsteigerungen für die Agrarkonzerne.

Die jeder Lebensgrundlage beraubten ehemaligen Kleinbauern Afrikas flüchten in die Großstädte Afrikas, die sie nicht ernähren können und ihnen keine Arbeitsplätze bieten. Dort entstehen Slums, die ein Nährboden für Menschenhändler und Schlepper sind, die diesen Menschen ohne jede Perspektive den Weg nach Europa schmackhaft machen, wo sie alles erwartet, nur ganz sicher kein herzliches Willkommen und sie dabei noch in langfristige Abhängigkeitsverhältnisse geraten. Ich verweise an dieser Stelle an die aus Afrika stammenden jungen Prostituierten auf Italiens Straßen, die ihre Körper verkaufen müssen, um ihre Schulden beim Schlepper abzubezahlen.

Der durch diese Landraubmethoden erzeugte Migrationsdruck in Richtung Europa facht wiederum den Aufstieg der Ultrarechten immer weiter an. Eine radikale Änderung wäre dringend vonnöten…

aus: www.antiimperialista.org